Durch dieses Kreuz hat Christus zu Franziskus gesprochen. San Damiano ist auch der Ort, an dem Klara und ihre Schwestern ursprünglich gelebt haben. Nach dem Tod Klaras verließen die Schwestern 1253 aus Furcht vor räuberischen Überfällen San Damiano und siedelten sich bei der Grabeskirche ihrer Gründerin innerhalb der Stadtmauern von Assisi an. So kam auch das Kreuz von San Damiano in die Kirche Santa Chiara.

Das zirka zwei Meter hohe Holzkreuz wurde von einem unbekannten Meister des 11./12. Jahrhunderts gemalt und zeigt deutliche Spuren des damals in Italien verbreiteten byzantinischen Stils.

Im Mittelpunkt steht die Christusgestalt, der Gekreuzigte, der als der Erhöhte und Auferstandene zum Vater geht und einst wiederkommen wird. Dieses "Geheimnis des Glaubens", zu dem wir uns in jeder Eucharistiefeier bekennen, wird vom Künstler auf dem Tafelbild ausgefaltet.

Die Wundmale Jesu weisen hin auf seinen Tod am Kreuz. Das schwarze Rechteck hinter den Armen Jesu deutet sein Grab an. Links und rechts davon sind die Frauen zu sehen, die das Grab leer finden, davor die Engel, die ihnen verkünden, dass Jesus auferstanden ist. Im oberen Teil des Kreuzes ist in einem leuchtend roten Kreis Jesus dargestellt, der zum Himmel emporsteigt, in der Hand das Kreuz wie ein Zepter des Triumphes tragend. Die Chöre lobpreisender Engel umgeben ihn. Dass das ganze Geschehen im Heilsplan Gottes liegt, deutet die Rechte des Vaters an, die er Jesus entgegenstreckt.

Bild Kreuz von San Damiano

Am Fuße des Kreuzes sind - nur schwer erkennbar - einige Apostelgestalten abgebildet, die Jesus nachschauen, der zum Himmel emporgehoben und ihren Blicken entzogen wird. Ihnen wird verkündet, dass Jesus ebenso wiederkommen wird, wie sie ihn zum Himmel hingehen sahen (vgl. Apg 1,11). Diese Botschaft gilt aber auch allen Betrachtern des Kreuzes, die zu Jesus emporschauen und auf seine Wiederkunft warten.

Neben Jesus unter dem Kreuze stehen die Augenzeugen: Maria und Johannes dicht neben der Herzwunde Jesu, auf der anderen Seite Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, und der römische Hauptmann, der erkennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist (vgl. Mk 15,39). Hinter ihm dürfte sich der Künstler verewigt haben.

Die kleine Gestalt unter dem Kreuz links im Bild ist der Lanzenträger Longinus, von dem die Legende berichtet, dass er den Augenblick nie vergessen konnte, in dem er die Seitenwunde Jesu öffnete; er hat sich der Gemeinde Jesu angeschlossen. - Ihm gegenüber steht ein namenloser Spötter, der nicht zum Glauben an Jesus gefunden hat.

Der Hahn im unteren Schaft des Kreuzes ruft zur Wachsamkeit: wir kennen nicht den Tag und die Stunde, in der Christus auch uns anspricht.

Das Gebet, das Franziskus in der Stunde seiner Bekehrung gesprochen hat, ist der franziskanischen Gemeinschaft kostbar:

Höchster, glorreicher Gott,
erleuchte die Finsternis meines Herzens
und schenke mir rechten Glauben,
gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe.
Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen,
damit ich Deinen heiligen Auftrag erfülle,
den Du mir in Wahrheit gegeben hast. Amen.