Anton Crispin Florintöni/Florentini

 

Seelsorger, Lehrer und Schulorganisator, Sozialreformer und Caritasapostel, Pionier praktischer Ökumene, Gründer der Institute der "Schwestern vom heiligen Kreuz" und der "Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz".

geb. am 23. Mai 1808 in Müstair, Graubünden
1825 Eintritt in den Kapuzinerorden
1826 Ordensprofess - Frater Theodosius
1830 Priesterweihe in Sitten
1831-1838 Novizenmeister und Lektor der Philosophie und Theologie in Baden
1838-1841 Guardian in Baden; politisch engagiert und verfolgt
1844 Gründung der Gemeinschaft "Schwestern vom heiligen Kreuz" Menzingen
1845-1858 Dompfarrer in Chur: Initiativen zu Werken der Krankenpflege und der Armenfürsorge; Fortführung der Schulorganisation
1852 Gründung der "Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz" Ingenbohl
1856 Trennung der beiden Institute Menzingen / Ingenbohl
1860-1865 Generalvikar des Bischofs von Chur: Überlegungen und praktische Versuche zur Lösung der Sozialen Frage
gest. am 15. Februar 1865 in Heiden, Appenzell 

Pater Theodosius

Die Abfolge von Daten sagt wenig über diesen Mann von großem geistigen Format, dem weiten Herzen und dem rastlosen Leben für andere.

"Ich hatte vor 1839 den Plan entworfen, der antichristlichen Schulbildung durch eine christkatholische Erziehung, der rationalistischen Behandlung der Armen, Verwahrlosten und Verbrecher durch eine auf den Prinzipien christlichen Glaubens und christlicher Liebe beruhende Verpflegung und Leitung mittels religiöser Kongregationen, die den Landesbedürfnissen entsprechend eingerichtet wären, zu begegnen. Ich wollte diese Kongregationen so einrichten, dass sie überall hinpassten, überall Aufnahme finden könnten. Dieser Plan schwebte mir stets vor Augen bei allem, was ich unternahm; dazu sollte mir alles dienen." (Schreiben an den Bischof von Basel, 1856)

Zur Verwirklichung dieses Planes gründete Pater Theodosius - in einer Zeit des antiklerikalen Liberalismus, in der Klöster aufgehoben und Klosterschulen geschlossen wurden - die Kongregation der Schwestern vom heiligen Kreuz aus dem Dritten Orden des heiligen Franz von Assisi:

"Ich werde Schwestern dorthin senden, wo sie sehnlichst erwartet werden: zu den Armen und zu den Bildungshungrigen, zu den Kranken und zu den Verwahrlosten, zu den Waisen und zu den Fabrikkindern und Industriearbeitern. Sie werden dort eine Lebensweise leben, durch die sie die Gegenwart Christi unter den Menschen bezeugen. Sie werden zeigen, wie lebendig christliche Nächstenliebe sein kann. Sie werden die Not mit den Armen teilen und allen alles werden."

Pater Theodosius verlangte das, was nach dem Willen Gottes jedes Leben verlangt: volle Hingabe aller Kräfte an die Aufgabe. Die Arbeit war ihm nicht weniger wichtig als das Gebet, "weil sie Gott verherrlicht, dem Nächsten dient und so die schönsten menschlichen Beziehungen zueinander schafft."

Mit der Gründung dieser zeitgemäßen sozial-karitativen Kongregation machte Pater Theodosius bislang verborgene Kräfte der Gesellschaft fruchtbar für eine bessere Zukunft. Einfache Frauen konnten in der Gemeinschaft als Kreuzschwestern vielfältige Sachkompetenz erwerben und damit nachhaltig Not-Wendendes tun.

In seinem Lebenslauf schreibt Pater Theodosius: "Was immer die Menschen sagen mögen, mein Grundsatz ist: Was Bedürfnis der Zeit ist, das ist Gottes Wille. Wer also einem Bedürfnis begegnet, erfüllt Gottes Willen." Er war überzeugt: Gott ist in unserem konkreten Leben. Sein Anruf trifft uns im Alltag aus der Mitte unserer Existenz, drängt uns zur Entscheidung und fordert als Antwort ein Tun.

So organisierte Pater Theodosius als Pfarrer von Chur die katholische Schule und nahm sich der Armen an. Mit verschiedenen Zweigen der Heimindustrie schuf er wenigstens vorübergehend Arbeit und Lernmöglichkeiten vor allem für die Jugend. Mit Unterstützung protestantischer Freunde richtete er ein Spital ein und vertraute die wachsenden Werke der Caritas den "Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz" an.

Die Sorge um den Menschen in Abhängigkeit von Kapital und Maschine ließ Pater Theodosius bis an sein frühes Lebensende nicht los. In der berühmt gewordenen Frankfurter Rede legte er 1863 seine Reformgedanken dar.

Er wagte neue Wege zur Lösung der Arbeiterfrage - Jahrzehnte, bevor sich die Kirche offiziell darum annahm. Der Bettelmönch erwarb Fabriken, ermöglichte Arbeit und Verdienst unter vergleichsweise humanen Bedingungen.

Der Versuch, auf diese Weise neue Wege in eine neue Zeit zu bahnen, musste fast notwendig scheitern. Dem Kirchenmann fehlte es nicht nur an unternehmerischer Erfahrung und Planung, sondern auch an realistischer Einschätzung des Möglichen unter den gegebenen Umständen.

Solidarität aus der Kraft des Glaubens, dieses eigentliche und zeitlos gültige Anliegen von Pater Theodosius Florentini, trugen die beiden Frauenkongregationen weiter, die er gegründet hatte: die Kreuzschwestern von Menzingen und Ingenbohl. Dank der tapferen Frauen des Anfangs überlebten die Gemeinschaften trotz aller Schwierigkeiten. Beide bewahrten die Ideen des Stifters als Erbe: die Verbindung von Jugendbildung und Caritas - zum Wohl der Menschen und zur Ehre Gottes. Die Lehrschwestern von Menzingen widmeten sich bald auch dem Dienst an Armen und Kranken in weiten Teilen der Welt. Und die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz in Ingenbohl nahmen in großem Umfang die Schule wieder in ihr Programm auf.

Am Abend vor dem tödlichen Schlaganfall saß P. Theodosius Florentini in seinem Absteigquartier zusammen mit Männern eines protestantischen Gesangvereins und hielt eine Tischrede mit der Kernaussage eines Augustinus-Wortes, das er auf Bitten des Dirigenten ins Gästebuch schrieb: "Im Notwendigen Einheit, im Ungeklärten Freiheit, in allem die Liebe."