Die Kreuzschwestern von Ingenbohl sind eine der relativ vielen christlichen Gemeinschaften, die im 19. Jahrhundert entstanden sind als Antwort auf die wachsende Not infolge der gewaltigen geistigen, wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen.

Der Gründer dieser katholischen Schwesternkongregation, der Schweizer Kapuziner P.Theodosius Florentini (1808-1865), war von der Überzeugung durchdrungen, dass gerade Orden sich den Herausforderungen ihrer Zeit zu stellen hätten. Zukunftsorientiert wollte er die Situation "radikal" - von der Wurzel her ändern. Armut, Krankheit, Wohnungselend als konkrete Erscheinungsformen der Not, wie sie besonders Familien der Fabriksarbeiter trafen, sollten zunächst wenigstens gemildert werden.

Nigg´scher Hof
Nigg´scher Hof in Ingenbohl, 1820 

Mehr aber noch galt es, deren Ursachen zu bekämpfen: den Bildungsnotstand, das Erziehungsdefizit der Jugend und schließlich das ausbeuterische kapitalistische Wirtschaftssystem.

Pater Theodosius wollte eine Erneuerung der Gesellschaft - nicht auf revolutionärem Weg, sondern aus der innovativen Kraft des Christentums, die über Schule und Caritas wirksam werden sollte. So reifte in ihm der Plan einer Verbindung von katholischer Schule und sozial-karitativen Diensten durch eine zeitgerechte Schwesterngemeinschaft.

1839 fanden sich drei begabte junge Frauen für eine Ausbildung zu Lehrerinnen im Ordensstand bereit. Unter schwierigen äußeren Umständen sorgte Pater Theodosius für ihre berufliche und geistliche Qualifikation.

1844 wurden die drei Junglehrerinnen in den Dritten Orden des hl. Franziskus aufgenommen und legten in Altdorf ihre Gelübde auf die von Pater Theodosius entworfenen Konstitutionen für die Schwestern vom heiligen Kreuz ab. Damit war das Institut der Kreuzschwestern von Menzingen - der Ort, an dem die drei Schwestern ihre Unterrichtstätigkeit begannen, - begründet.


Kloster Ingenbohl, 1860

Die Gemeinschaft wuchs sehr rasch und betreute Mädchenschulen in immer mehr Gemeinden. Seit 1845 gehörte auch Sr. Maria Theresia Scherer dazu, eine fähige junge Frau, die bald zur Mitbegründerin eines zweiten Zweiges der theodosianischen Schwestern werden sollte, der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz in Ingenbohl. Pater Theodosius, der intelligente Mann mit dem wachen Blick für die Not seiner Zeit, dem tiefen sozialen Empfinden und der Vision von einer humaneren Welt, stellte harte Forderungen an "seine" Kreuzschwestern, die im Lehrberuf Erfüllung gefunden hatten: "Barmherzige Schwestern" sollten sie werden, sich jeder Not verpflichtet wissen, verfügbar und flexibel dorthin gehen, wo sie gebraucht würden - und die sozialen Projekte ihres Gründers verwirklichen.

Nicht alle Schwestern konnten diese Pläne zur Ausweitung des Programms der Kreuzschwestern mittragen und so kam es nach und nach zur beiderseits schmerzlichen Trennung. 

Sr. Maria Theresia, die tüchtige und begeisterte Lehrerin, nahm 1850 mit dem Einverständnis ihrer Oberin die große Herausforderung an und ging in das Armenhaus Näfels, wo sie unter unvorstellbaren Bedingungen arbeitete. Mit diesem Schritt in die Caritas wurde sie schließlich zur Mitbegründerin der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz. In Ingenbohl erwarben die Schwestern einen desolaten Gutshof als Mutterhaus und wurden dort 1858 endgültig heimisch.

Der Traum des P. Theodosius Florentini von Schwestern, die keinen Bereich der Nächstenliebe ausschließen, ist beeindruckende Wirklichkeit geworden. Die Kreuzschwestern waren ein Teil der großen "Frauenbewegung" des 19. Jahrhunderts:

Sie dienten in Armenhäusern, Altenheimen, Spitälern und in der Privatkrankenpflege. Sie wirkten als Lehrerinnen und Erzieherinnen in Schulen und Kindergärten, in Internaten und Waisenhäusern. Man berief die Schwestern in Anstalten für körperlich und geistig Behinderte. Sie gingen in Irrenhäuser und Gefängnisse, betreuten Dienstbotenasyle und Kosthäuser für Lehrlinge. Als Hausfrauen und Krankenschwestern arbeiteten sie in Knaben- und Priesterseminaren. Die Schwestern waren aber auch verfügbar, wenn sie zu verwundeten Soldaten auf Kriegsschauplätze und in Lazarette gerufen wurden oder wenn Kranke in Epidemiegebieten ihrer Hilfe bedurften.

 
Kloster Ingenbohl, 1880

"GANZ DEM GEKREUZIGTEN, DARUM GANZ DEM NÄCHSTEN: DER LIEBE CHRISTI STELLVERTRETERIN." Dieses Wort schrieb Mutter Maria Theresia auf die Grabplatte der ersten vier Schwestern, die in jungen Jahren in Rom bei der Pflege von Typhuskranken Opfer ihres Berufes geworden waren. Dieses Wort enthält das Programm der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz.